Rezension Dr. Walter Lokau

Der Titel nimmt sich bescheiden aus: „Drehen auf der Töpferscheibe“ – und so stutzt man zunächst doch, verwundert ob des Formats, des Umfangs und der Ausstattung des voluminösen, schön gestalteten und aufwendig hergestellten Bandes mit hartem wasserabweisendem Einband und haltbarer Fadenheftung, weit über tausend fast ausschließlich farbigen Abbildungen und großzügig übersichtlicher Layout-Gestaltung (man versteht erst allgemach, dass dem Band in diesen buch- und drucktechnischen Merkmalen, die sich für Buch-Publikationen keineswegs mehr von selbst verstehen, eine gewisse unempfindliche Werkstattauglichkeit für den töpfernden Praktiker mitgegeben wurde. Soviel nicht billiges Anleitungsbuch um ein Thema, das heutigentags als Beruf kaum noch gekannt und gern mit wenigen Abendkursstunden kreativ-vergnüglicher Freizeitgestaltung abgetan ist …?!

Doch die vermeintliche Diskrepanz zwischen Form und Inhalt schwindet schnell: Einmal angelesen, wird man rasch des tiefer gehenden Anspruchs und Anliegens
seines von einem geradezu unbändigen Vermittlungswillen getriebenen Autors gewahr: Hier spricht und zeigt, will jemand lehren und weitergeben, der seit über einem halben Jahrhundert an der Drehscheibe arbeitet und die Sache des Töpferns sehr viel ernster nimmt, als Unterhaltungs- und Vergnügungssüchtige oder profitorientierte High-Tech-Apologeten es überhaupt noch vermögen – einer, der mit dem ganzen Leib und allen Sinnen, ja mit seinem Leben selbst im Metier steckt, wie derzeit kaum noch einer sonst. Und das bei aller auch hier nicht verschwiegenen Marginalität des gegenwärtigen Töpferhandwerks, das volkswirtschaftlich nahezu keine Rolle mehr spielt und um Ansehen wie Verständnis, letztlich schon ideell und finanziell um’s Überleben kämpfen muß! Zuinnerst zielt dieser schreibende Töpfer, wie die ebenfalls schreibenden britischen Töpferlegenden Bernard Leach und Michael Cardew vor ihm – beide in dem traditionellen Handwerk noch gewogeneren Jahrzehnten des 20sten Jahrhunderts arbeitende Gewährsleute werden immer wieder emphatisch zitiert –, auf Dokumentation und Bewahrung einer handwerklichen Kulturtechnik, die so alt ist wie fast die Menschheit selbst, doch leider zu einer vom Aussterben bedrohten Gattung ward. Wo Leach das freilich noch gegen die Produktion der ersten Industrialisierungswelle unternahm, ist ein solches Ansinnen nun in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft der dritten industriellen Revolution nicht leichter geworden …

Um es gewichtig und wuchtig zu sagen: Dies’ Buch ist ein opus magnum, ein Lebenswerk, das sich mindestens ebenso sehr der Leidenschaft für das Töpferhandwerk wie der Sorge um dasselbe verdankt und in seiner jetzigen Gestalt selbst eine jahrzehntelange Geschichte in sich trägt. Gut Ding will Weile haben – und Umstände, die seine Herausgabe in der gewünschten Form gestatten. Obwohl in dritter, in 8 Jahren völlig überarbeiteter Auflage erscheinend, hat es nun erst, über 30 Jahre nach der Erstausgabe, eine Form, die den Töpferautor zufriedenstellt. Das Werden des gediegenen Buches ist auf’s Innigste verwoben mit dem Werdegang des Autors: Joachim Jung, Jahrgang 1954 und seit 1979 selbständig, hatte Anfang der 1970er Jahre in einem VEB der DDR eine Lehre absolviert, durchaus eine besondere Erfahrung unter besonderen Bedingungen, rührten die vermittelten Arbeitsmethoden doch aus Zeiten, als man ohne sonstig maschinelle oder mechanische Hilfsmittel eine keramische Massenproduktion allein mittelst Scheibentöpferei zu gewährleisten hatte. Die Folge war ein heute schier unglaublicher Zeit-Akkord, der den Arbeitsablauf bis in’s Allerkleinste durch gnadenlose Effizienz bestimmte …

Die Zahlen, die der Autor in einer Fußnote angibt, sprechen für sich und zeugen von der am Endeunglaublich routinierten Sicherheit, die man sich zu eigen zu machen gezwungen war: EinLeistungsdreher verarbeitete in nur 4 Stunden fast eine halbe Tonne Ton zu 150 Stück großer, freigedrehter, aber maßnormierter Blumentöpfe – einschließlich der Vor- und Aufbereitungszeit. So wenig solche Art der Töpferei mit Kreativität zu tun hat, so unleugbar vorteilhaft ist die handwerkliche und arbeitstechnische Technik, die einem derart Belehrten und Befähigten schließlich in Fleisch und Blut überging. Diese ungemeine Routine und insbesondere das Großdrehen als Ausgangspunkt des Erlernens des Töpferhandwerks – vom Großen kommt man immer auch zum Kleinen, nicht aber umgekehrt – bilden die Basis der
töpferischen Pädagogik Joachim Jungs: War sein eigenes Lernen noch von Sprachlosigkeit und vermitteltem Abschauen bestimmt, suchte er die Eigenheiten des Materials Ton auf der Töpferscheibe bis in die physikalischen Effekte und sein eigenes Tun dabei bis in die Physiologie und Anatomie den menschlichen Körpers mit schon wissenschaftlicher Akribie zu durchdringen und zu verstehen, warum just nur diese Arten und Weisen optimale Ergebnisse zeitigen können. Da auch in der DDR die Technik des Großdrehens nach und nach verloren zu gehen drohte, erwuchs ihm geradezu ein Bedürfnis, seine Erfahrung und Erkenntnisse systematisch zu Papier zu bringen und in einer Publikation zu bewahren und weiterzugeben …

Unter realsozialistischen Verhältnissen und ohne befördernde Fürsprache freilich ein fast aussichtsloses Unterfangen: Erst 1989 gelingt es, eine bescheidene, in vieler
Hinsicht kompromissgeschädigte Ausgabe herauszubringen, die sogar noch eine zweite, kleine Auflage erfährt – um dann im Einheitswirbel unterzugehen. Nun also, da die Zeiten für die Töpferei nicht rosiger geworden sind, im Selbstverlag die opulente, erheblich optimierte Neuausgabe, der man größtmögliche und wohldurchdachte Sorgfalt beim konsequenten Ausbreiten eines Berufslebensschatzes bescheinigen muß: Seite um Seite, Kapitel für Kapitel folgt man dem Töpfermeister anhand ausgiebigen Bildmaterials und eindringlich erklärendem, mitunter kurzweiligem Text durch Geschichte und Wesen der Töpferei und vor allem durch die einzelnen Schritte und Möglichkeiten des Töpferhandwerks, überaus praxisorientiert und nachvollziehbar. Dabei steht nicht der schnelle Erfolg im Sinne eines vergnüglichen DIY im Vordergrund, sondern tatsächlich eine fundierte, in logischen und einheitlichen Schritten vorgehende Vermittlung aller Aspekte des Töpferhandwerks, die ein durchaus unzeitgemäß mühseliges Lernen erfordert, deren Gewinn am Ende aber ungleich viel größer ist als bei jeder abkürzenden Tändelei: Die Beherrschung des Metiers, weil man es verstanden hat …

Wer bloß leichtsinnig und spaßeshalber einmal an einer Drehscheibe arbeiten möchte und sich mit einem schiefen Dezimeter-Väschen zufrieden geben kann, darf sich die Anschaffung des Buches getrost ersparen. Wer immer aber das schlagende Herz der Töpferei technisch-handwerklich begreifen will, einerlei ob Anfänger oder selbst schon praktizierend, wird hier Anleitung und Rat finden wie nirgend sonst. Die Verbreitung des Bandes ist unbedingt wünschenswert – er setzt Maßstäbe: Auf absehbare Zeit wird man zu diesem speziellen Thema besseres oder auch nur vergleichbares vergeblich suchen. Vielleicht findet sich ja im Mutterland der studio pottery ein geneigter Verlag, der sich einer übertragenen Version annimmt. Denn eine Sorge bleibt vorerst: Kommt dies’ Buch beizeiten noch …?!

Dr. Walter Lokau
Kunsthistoriker