Kunsthandwerk am Aussterben

Das Kunsthandwerk mit seiner kulturellen Bedeutung ist am Aussterben – der Staat unternimmt dafür gerade einen Generalangriff

Eine Situationsbewertung von Joachim Jung

Die Ausbildung von Lehrlingen wird ab 1. Januar 2020 zu teuer und unfinanzierbar für kleine Unternehmen, wie auch das meine, Joachim Jung, Diplomkeramiker mit Werkstatt in Glashagen/MV. Die Politiker hatten es ja schon einige Jahre zuvor angekündigt, dass Auszubildende vermeintlich besser bezahlt werden sollen.

Wenn ich pro Lehrling jetzt incl. Krankenversicherung und Nebenkosten über 800 Euro Ausgaben habe, kann ich das nicht leisten.

Je nach Ausbildungsvergütung durch den Lehrbetrieb gab der Staat bis zur Höhe von 650,- EUR Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) dazu. Wird also die neue Mindestentlohnung vom Betrieb gezahlt, spart der Staat ordentlich Geld. Aber der Auszubildende erhält keinen einzigen Euro mehr als vorher ! Das ist eine unglaubliche Verdrehung der Tatsachen !

Es gibt deutschlandweit derart wenig Lehrstellen in der Keramik, dass die Jahrgänge zusammengelegt werden mussten, damit die Klassenstärken ausreichen. Durch die neue Gesetzgebung wird auch die Berufsschule für Keramiker in Heide schließen. Ab Januar 2020 werden damit auch andere traditionelle Gewerke dem Niedergang geweiht.

In Großbritannien z.B. werden seltene Berufe gefördert, denn überall arbeiten viele Handwerker am Existenzminimum.

Es gibt Berufe, wo der Lehrling bald als Arbeitskraft eingesetzt werden kann. Besonders in einem keramischen Handwerksbetrieb ist aber der Zeitaufwand für das Üben erheblich. Wirklich gutes Geschirr oder anderes auf der Scheibe Gedrehtes, kann ein talentierter Lehrling zumeist erst am Ende des dritten Lehrjahres herstellen. Zumindest in den Betrieben, wo eine umfassende Ausbildung von statten geht und nicht nur für die Handtasche der Touristen gearbeitet wird.

Vor dem zweiten Weltkrieg betrug die Lehrzeit in der Keramik noch sieben Jahre. Vor einigen Jahren gab es kurzzeitig eine Berufsanfängerförderung. Das war eine kluge Entscheidung.

Die heutige allgemeine Lehrmethode ist voller Zugeständnisse. Zum Beispiel wurde die Prüfungsordnung für Meister „angepasst“. 1970 musste ein Prüfling ein Gefäß von 70 cm Höhe vordrehen. Jetzt begnügt man sich mit über 40 cm, da nur noch sehr wenige diese Technologie beherrschen. Die Anfänger üben mit etwa 300 bis 500g Ton, damit sie schnell kleine Gefäße drehen lernen. Verständlich, denn sie sollen ja das gezahlte Lehrgeld wieder erwirtschaften. Leider können mit dieser schneller Ergebnisse produzierenden Methode keine großen, speziellen oder komplizierten Gefäße gedreht werden, so dass die alten Techniken verloren gehen. Deswegen drehen meine Azubis von Anfang an mit mindestens 3 kg Ton. So habe ich es auch gelernt. Dann dauert es Jahre, bis diese Techniken erlernt wurden. Es erwartet auch keiner, dass Einer, der Geige spielen lernen möchte, nach 3 Jahren im Sinfonieorchester mitspielen soll. Im Berufsleben sind solche Grundlagen dann nicht mehr nachholbar. Dazu kommt die immer größer werdende Unfähigkeit der jungen Generation, die Hände universell einzusetzen, eben nicht nur auf der Handy-Tastatur.

Aber die drei Jahre sind ja Lehrzeit und nicht Produktionszeit. Nur so kann der fertige Geselle wirklich etwas und ist vor allem entwicklungsfähig. Mit der in meinem Buch demonstrierten Technik können auch alle anderen Gefäßgruppen gedreht werden.

Ich lernte Gefäße in Überlebensgröße anzufertigen. In der dritten Auflage meines Fachbuches (erscheint 2021 – auch in englischer Sprache) beschreibe ich diese spezielle Drehtechnologie, die ich in 50 Jahren Berufserfahrung weiter verfeinert habe. Weltweit ist es das einzige Fachbuch mit solchen Inhalten und stößt daher auf reges Interesse. Zudem vermittelt es, was besonders gute Qualität bei Gebrauchsgeschirr ausmacht. Da diese natürlich vom Käufer sehr geschätzt wird, beschert sie den Töpfern mehr Umsatz, da sie das Industriegeschirr absolut in den Schatten stellt. Leider sind solche Kriterien nur noch selten bekannt.

Weil das neue Gesetz rückwirkend nicht gilt, kann ich die letzten neuen Lehrlinge noch durchbringen. Dann ist es vorbei mit meinen und anderer Bemühungen, eine Lanze für dieses Handwerk zu brechen. In den letzten 30 Jahren waren ständig drei bis sechs Lehrlinge in meiner Werkstatt zugegen. Für eine Ausbildung für benötigtes Personal wäre eine Investition wirtschaftlich korrekt. Ich bilde aber nicht aus, weil ich einen Gesellen benötige, sondern nur um das Handwerk zu erhalten. Das tun die meisten der wenigen Kollegen, die noch ausgebildet haben.

Wie ersichtlich haben Politiker nicht die leiseste Ahnung von solchen speziellen Problemen, die in verschiedenen Gewerken zwar unterschiedlich, aber vom Prinzip her ähnlich sind. Wir haben diese Inhalte bekannt gemacht, mit Unwissenheit ist es also auch nicht zu entschuldigen. Das Gesetz ist so kurzsichtig, dass es offensichtlich ist und nur die Schlussfolgerung bleibt, dass mit Absicht das kulturelle Niveau des Volkes gesenkt werden soll. Die Keramik ist nur ein winziges Segment. Weitaus schlimmer zeigen das die Inhalte des Lehrmaterials in den Schulen.

Dieses Gesetz ist unwirtschaftlich und ein Schlag ins Gesicht eines jeden denkenden Menschen. Niemand kann Jemanden bezahlen, der nichts produziert !

In der Novelle des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) ab 1.1.2020 wird gesagt: „. wird nach aktuellen Erkenntnissen wohl nicht zu einem geringeren Ausbildungsangebot führen …“. Man hält sich, wie so oft, bedeckt. Das zeigen auch inhaltslose Antwortschreiben der Handwerkskammer Rostock, an die ich mich vor (!) der Gesetzgebung gewandt habe. Für solche Berufe, die ich hier anführe, wird es nicht nur zu einem geringeren Angebot führen. Es wird zum Aus führen, da es jetzt schon kaum Ausbildungsangebote gibt. Es gibt Einrichtungen die staatlich gefördert Keramiker ausbilden. In einer in der Wirtschaft funktionierenden Töpferei sind sogenannte Keramiker, die ca. 4-8 h in der Woche an der Scheibe zubringen, leider nicht zu gebrauchen. Der Plan geht also auf – traditionelles Kunsthandwerk wird ausgerottet. Das Gleiche gilt übrigens auch für Naturheilverfahren, die verboten werden sollen … das sind leider ganz miese Aussichten !


Bild: Joachim Jung an der Drehscheibe