Skulpturenpark

Naturverbundenheit als Stilmerkmal

Gesamtkunstwerk Töpferei Glashagen – Joachim Jung, 7. Ausstellung im Garten
aus „Mecklenburg – Zeitschrift für Mecklenburg-Vorpommern“ 08/2001)

Mit der 7. Ausstellung im Garten in Glashagen bei Bad Doberan werden die Besucher auf das Angenehmste überrascht. Meisterliche, variantenreiche Töpferei geht hier eine gelungene Symbiose mit der seit langem immer weiter vervollkommneten „Wildnis“ des kraftvollen Bauerngartens ein. Kommt man von Bad Doberan bergan fahrend dem Glashäger Quellental näher, scheint sich – man weiß nicht genau wo – das Naturell der Umgebung zu wandeln. Fast plötzlich steht man wie in einer vergessenen kleinen Oase unseres Alltags. Der erstaunte Besucher wird in großzügig angelegtem, ungefähr 15.000 m² umfassenden Garten entspannt beobachten, dass sich die Natur eigentlich anders darstellt als in einem Gartenmarkt. Der anfängliche Eindruck einer mit Leichtigkeit gewachsenen Anlage weicht nach einigem Verweilen der Erkenntnis, daß hier alles – jeder Stein, jeder Baum, jeder Scherben, jede Skulptur – seiner Bestimmung zugeführt wurde. Solange ich das Ehepaar Jung und ihre mittlerweile sechs Kinder kenne, durfte ich verfolgen, wie der Einsatz von Zeit und Energie am rechten Ort und zum rechten Augenblick die Stimmigkeit dieses Projektes vervollständigen konnte.

In diesem siebten Ausstellungssommer begegnen wir auf dem Hof der Töpferei annähernd 160 käuflichen Exponaten, von ca. 40 Teilnehmern harmonisch in das Grün des Gartens, die beiden keramikbestückten Verkaufsräume und das Cafe mit Namen „Jungbrunnen“ eingefügt. Für diese Ausstellung, die bis Ende September zu besichtigen ist, hat Joachim Jung an einem sehr pragmatischen Fleckchen – am Hühner-und Schafstall – eine fünfzigköpfige Kannenkollektion installiert. Jedes dieser individuell gestalteten Gebrauchsgefäße scheint zu schweben, weil sie auf dünnen, verschieden langen Eisenstäben befestigt sind. Variantenreiche Brennverfahren, Glasuren und Bearbeitungstechnologien zeugen von einer präzisen und außergewöhnlich perfekten Handwerklichkeit und Funktionalität. Jung beherrscht die unterschiedlichsten Techniken aus dem Stehgreif. Hier wird anschaulich, was Keramik kann. Es offenbart sich eine unerschöpfliche experimentelle Kraft und der Betrachter kann ihre tönerne Melodie spüren – beschwingt zweistimmig.

Gerade der funktionale Zweig der Keramik ist es, der nur noch selten mit Konsequenz zum Treiben gebracht wird. Nur noch wenige Menschen wissen heute, was gerade und ausschließlich mit dem Material Ton bewirkt werden kann und ein Gang durch die Vielfalt funktionaler Gefäße in den Verkaufsräumen öffnet neue Blickwinkel. Auch wenn sich etliche spezielle Zweckmäßigkeiten nicht sofort erschließen, ist man erstaunt über simple physikalische Tricks,die, in unserer modernen Zeit fast vergessen, eine überraschende Nutzung erfahren.

Eigentlich ist es nicht verwunderlich, daß viele Besucher das erste Mal ihren Fuß in dieses verborgene idyllische Eckchen setzen, denn noch ist die Künstlerkolonie ein Geheimtip. Selbst für Ausflügler aus der nächsten Umgebung ist dies ein Ort, wo sie die Seele baumeln lassen können, eine Insel in der wogenden Hektik, von der die Ruhesuchenden fündig geworden und erholt nach Hause zurückkehren. Viele gönnen sich auf den robusten Kirschbänken eine Pause oder verweilen auch schon mal einige Stunden. Diese sind schnell vergangen, wenn der interessierte Wanderer auch die benachbarten Werkstätten wie die Glashütte und das Atelier der Schmuckgestalterin besucht. Im „Jungbrunnen“ gibt es für die hungrig gewordenen ein erstklassiges, selbstgebackenes Brot zu essen mit einer guten Schale Tee dazu. Das Sauerteigbrot ist eine Kreation der Töpferfrau,die auf fünfzehn Jahre Backerfahrung zurückblicken kann. Durch die jahrelange Selbstversorgung der Großfamilie sind auch Rezepte für andere Leckereien entstanden. Natürlich kann man auch Kaffee und Kuchen bekommen. Aber wenn man sich entscheiden soll, welche Variante die wohlschmeckendere ist, gerät man in echte Schwierigkeiten. So persönlich die Art der gebackenen Köstlichkeiten ist, so sympathisch ist auch die räumliche Szenerie im Cafe. Fast privat empfindet man die Atmosphäre, die dank der aufgearbeiteten Möbel einen unnachahmlichen, eigenwilligen Charakter erfährt. Kein Stuhl gleicht dem anderen. Ein bequemes Sofa zum Lümmeln gibt es ebenfalls.

Hier ist jeden Nachmittag ab 13 Uhr geöffnet außer Montag und Dienstag. Bei telefonischer Absprache kann man aber mit Familie Jung über die Öffnungszeiten verhandeln. Auch Führungen sind dann möglich. Und wer Interesse an einem Töpferkurs hat, klopft hier an der richtigen Tür. Sogar Urlaub kann man auf diesem erdigen Fleckchen machen. „Alles kommt zu dem, der warten kann“ sagen die Jungs und auf ihrem alternativen Lebensweg kam folgerichtig so einiges. Mit offenen Armen, Ohren und Sinnen wurden Anregungen und Informationen zu gesunder Lebensführung empfangen. Auf fruchtbaren Boden gebracht, hat sich dieser anfangs unscheinbare Sproß zu einer stattlichen Pflanze entwickelt, die mit ihrer Blütenfülle den „Töpfergarten“ in ungewöhnlicher Weise abrundet. Jedenfalls für mich inspirierend genug, bei meiner Rückkehr nach Süddeutschland einmal gewisse Eckpfeiler in meinem von zweifelhaften Gewohnheiten angefüllten Leben auf den Prüfstand zu heben. Damit wäre ich dann nicht der Erste, der nach einer Beratung durch den Töpfermeister seinen Lebenswandel – im ursprünglichen Sinne des Wortes – wieder in Schwung bringt.

Warum ein Töpfer sich solchen Themen öffnet ? Nicht zufällig hat sich der Werkstoff Ton als therapeutisches Material für die Vielzahl der Suchenden bewährt. Auch er ist wandelbar, ein sinnliches Element, das Mut zum Beginnen macht. Jungs Maxime lautet: Es gibt fast keine Krankheit, welche man nicht selbst besiegen kann. Das Geheimnis, das hinter dieser kühnen Behauptung steckt, ist nach einem Vortrag offengelegt. Doch wer mehr wissen will, muss sich schon selbst auf den Weg machen. Zum Beispiel könnte das für den Anfang der Weg nach Glashagen zur Töpferei Jung sein.